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Titelbild

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Wer einen Altstadt-Bummel durch die Moerser Innenstadt unternimmt und auf der Suche nach Büchern ist, kann entweder bei Thalia in der Fußgängerzone Halt machen – oder sich auf den Weg in die nur wenige Meter entfernte Burgstraße begeben, und dort ein wenig Urlaubsatmosphäre genießen: bei strahlendem Sonnenschein sitzen Besucher des benachbarten Cafés vor dem Schaufenster und genießen das Leben in beschaulicher Atmosphäre. Genauso farbenfroh und fröhlich geht es auch in der Buchhandlung Barbara zu. Der mit ca. 50 qm Verkaufsfläche relativ kleine Laden zeigt sich schon beim

Innenansicht 1

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Betreten als Wohlfühlort: Vor einer freundlich-grünen Wand befinden sich wertig aussehende Regale, eine kleine Sitzecke lädt zum Verweilen und Blättern ein, und mit Kathrin Olzog wird man von einer grundsympathischen Inhaberin begrüßt. Was sie vor allem ausstrahlt, ist Zufriedenheit: „Es tut mir fast ein wenig Leid, und ich komme mir immer ein wenig komisch vor, aber ich habe schlichtweg nix zu meckern!“ Es kommt heutzutage nicht allzu oft vor, dass man mit Buchhändlern ins Gespräch kommt, die dermaßen zufrieden sind mit der eigenen Situation und der Entwicklung ihres Geschäfts.

Innenansicht 2

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Für Olzog, die mit der Gründung durchaus ein Risiko eingegangen ist, scheint alles wunschgemäß zu laufen: „Bisher ist es so, dass jeder Monat besser ist als der Monat des Vorjahres.“ Dass die Kunden sich bei ihr wohlfühlen, überrascht nicht. Das Gesamterscheinungsbild ist gleichzeitig individuell und professionell – hier scheint alles einem wohlüberlegten Konzept zu unterliegen, das aber nie berechnend wirkt. Olzog scheint das richtige Gespür zu haben für das, was den Moerser Buchfans gefällt – und was diese bei der Konkurrenz nicht finden. Tatsächlich ist ihre Buchhandlung neben Thalia die einzige in der 100.000-Einwohnerstadt, seitdem 2013 die Weltbild-Filiale geschlossen wurde. Damit ging die Geschichte von Barbara überhaupt erst los: Fast zehn Jahre lang hat Kathrin Olzog als Filialleiterin bei Weltbild gearbeitet, bis hohe Mietforderungen zur Schließung des Geschäfts führten. Für die gebürtige Emmericherin stand schnell fest, dass sie in Moers bleiben wollte, und dass die Stadt gut eine Buchhandlung neben Thalia gebrauchen kann: „Ich kenne die Moerser Kunden aus meiner Weltbild-Zeit gut, und weiß, dass es hier genügend Leute gibt, die Geld für Bücher ausgeben mögen.“ Also entschied sie sich dazu, es selbst zu versuchen: „Ich habe mir Bramanns Gründung und Führung einer Buchhandlung vorgenommen und schnell gemerkt: eigentlich kann ich das alles.“

Das Ladengeschäft habe dabei geradezu auf sie gewartet: „Beim Gassigehen mit meinen Hunden führt mich die Strecke regelmäßig durch die Burgstraße, den Laden habe ich also schon länger im Auge gehabt. Der Vermieter zeigte sich sofort aufgeschlossen.“ So sehr, dass er in der Phase, in der die Finanzierung der neuen Buchhandlung noch unklar war, andere Angebote ablehnte. Wenige Wochen später war es dann soweit, und Olzog konnte mit der eigenen Buchhandlung loslegen. Die Ängste, die Investionen in den Laden könnten ihr zum Verhängnis werden, verflüchtigten sich schnell. Das Konzept wurde schnell angenommen, und der Kundenstamm wuchs zuverlässig, denn ihre Buchhandlung stellt bewusst einen Kontrast zum Filialisten dar: „Im Prinzip biete ich hier das komplette Gegenprogramm zu dem, was bei Thalia stattfindet. Wir haben weniger Raum, aber viel Leidenschaft – und wir sind für unsere Kunden immer ansprechbar“, betont Olzog. Das ist ihr wichtig, und deswegen ist ihr Team in den letzten Jahren auf eine stattliche Größe angewachsen: Neben der Inhaberin (und ihren Hunden, den „Ladenhütern“ Jule und Rusty) arbeiten noch vier Teilzeitkräfte bei Barbara, eine Auszubildende im dritten Lehrjahr gibt es auch. Gemeinsam mit der ebenfalls benachbarten Agentur KLXM Crossmedia entwickelte Sie das Logo und den Auftritt des Geschäfts. Und der Name? Barbara bot sich nicht nur an, weil die Heilige Barbara die Schutzpatronin der Bergleute und insofern eine populäre Figur der Region ist. Kathrin Olzog hat noch einen persönlicheren Bezug zur Namensgebung: „Was viele nicht wissen, ist dass auch meine Mutter Barbara hieß.“ So wirkt der Name zwar persönlich, lässt sich aber auch marketingtechnisch gut aufgreifen: Zum letztjährigen Barbaratag am 4. Dezember haben Olzog und ihre Kolleginnen an die Kunden die traditionellen Barbarazweige verteilt, die dem Brauch nach bis Heiligabend aufblühen sollen. Das führte dazu, dass Kunden ihnen per Mail und via WhatsApp Bilder von der Entwicklung ihrer Zweige schickten. „Eine tolle Aktion, die den Kunden sicher im Gedächtnis bleiben wird.“ Wiederholen will sie die Aktion vorerst aber nicht: „Überhaupt finde ich, dass Ideen sich schnell abnutzen. Ich probiere lieber neue Projekte aus.“

Bote

Barbara Bote 1

So wie ihre neue Kundenzeitung: Gerade ist die erste Ausgabe vom Barbara Boten erschienen. Eine acht Seiten starke Zeitung, die über Veranstaltungen, Produkte und Mitarbeiter der Buchhandlung berichtet, sogar ein eigenes Kreuzworträtsel ist enthalten. Auch das Heft wirkt sehr professionell: „Das ist hauptsächlich die Arbeit von meinem Mann, der hat die Zeitung auch redaktionell größtenteils betreut“. Ihr Mann Silvan Olzog kümmert sich auch um den Online-Auftritt auf genialokal. Mit Facebook hat sich die Inhaberin selber angefreundet. Mit Erfolg: Über 1.000 Abonennten sind für eine Buchhandlung dieser Größenordnung beachtlich. Und Olzog bekommt Resonanz auch von den Kunden vor Ort: „Sie sagen dann im Laden Sachen wie: ‚Ach ja, das hatte ich bei Facebook schon gesehen …‘“ Auch sonst ist sie den Möglichkeiten der modernen Medien und Technik gegenüber aufgeschlossen, seit einiger Zeit schon bietet sie ihren Kunden einen Bestellservice über WhatsApp an: „Das funktioniert ganz ausgezeichnet. Mittlerweile bekommen wir von den Kunden sogar Nachrichten aus dem Urlaub mit Bildern von der Strandlektüre und einem Dank für die Empfehlung.“ Ihre Experimentierfreude ist aber nicht auf das Internet beschränkt. Beim Betreten des Ladens fallen einem sofort die knallbunten Tragetaschen mit dem Logo der Buchhandlung und dem Aufrduck „Lieblingskunde“ auf.

Beutel

BarbaraBeutel

Olzog setzt die Taschen im Pfandsystem ein, wer sie zurückbringt, erhält den dafür gezahlten Euro zurück. Ebenfalls in verschiedenen Farben erhältlich sind die Kaffeebecher mit dem Barbara-Logo: „Die sind aber beinahe ausverkauft, dies sind unsere letzten Exemplare.“

Tassen

BarbaraTassen

Olzog scheint also auch ein Händchen für das richtige Merchandise zu haben. Überhaupt scheint Spaß ein wichtiges Kriterium für Olzogs Handeln zu sein: was sie macht, soll ihr und den Kunden Spaß machen. So ist sie froh darüber, dass sie das Café Heimelie als Nachbar hat: „Ich trinke selber überhaupt keinen Kaffee, und würde deswegen auch keinen verkaufen wollen.“ Umso besser funktioniert die nachbarschaftliche Zusammenarbeit: Auf Thementischen finden sich dekorative Leihgaben von nebenan, und bei Veranstaltungen springt das Café auch mit ein. Was die Ausrichtung des Sortiments betrifft, sieht es ähnlich aus: Weder für Krimis noch für Kinderbücher kann sich Olzog so richtig begeistern; dafür liest der „einhundertprozentige Lesetarier“ (so steht es auf den Namensschildern) nahezu alles aus dem belletristischen Bereich.

Innenansicht 3

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Gut, dass sie für die wichtigen anderen Bereiche Mitarbeiterinnen hat, die sich darum kümmern. So ist es der gelernten Buchhändlerin Anika Weitz, die als Mutter Expertin für das Segment ist, zu verdanken, dass die Kinderbücher endlich zu ihrem Recht kommen, und aus der hintersten Ecke nach vorne umziehen dürfen. Statt einem werden für die jungen Leser dann drei Regalmeter zur Verfügung stehen. Am liebsten verkauft Olzog selber das, was sie beim Lesen berührt hat. Derzeit sind das beispielsweise der Expeditionsthriller Herz auf Eis von Isabelle Autissier (mare) und Karine Lamberts Und jetzt lass uns tanzen (Diana). Ihr größter Erfolg im letzten Jahr waren über einhundert verkaufte Exemplare von Kristin Hannahs Die Nachtigall (Rütten & Loening). Ihre Kernzielgruppe seien Frauen im besten Alter mit Zeit und Geld, „Männer finden bei uns nicht so richtig statt“, gibt sie mit einem Blick auf die Regale zu. Das aber dürfte die Männer selbst kaum stören, in Barbaras Buchhandlung fühlt sich jeder Buchfreund gut aufgehoben.

Jörn Meyer

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